Kurz- versus Langzeittherapien

 

 

Ich betreibe seit vielen Jahren systemische Kurzzeittherapie. Es wird in Therapeutenkreisen oft diskutiert, welche Länge von Therapien effektiv ist. Die folgende Geschichte wirft ein erhellendes Licht auf diese Diskussion.



►  Ein Mann geht zum Psychoanalytiker: "Ich glaube, ich bin verrückt. Jede Nacht sehe und höre ich, wie wilde Tiere, Löwen, Tiger, Elefanten unter meinem Bett Paraden abhalten."

Der Analytiker: "Legen Sie sich auf die Couch und erzählen Sie mir mehr darüber."

Der Patient: "Moment mal. Was kostet das und wie lange dauert so eine Behandlung?"

Der Analytiker: "Eine Stunde kostet 100 EUR. Die Behandlung dauert erst einmal 80 Stunden. Eventuell verlängern wir um noch einmal 80 Stunden."

Der Patient: "So verrückt bin ich nicht."

Nach einigen Wochen treffen sich der Psychoanalytiker und der Patient zufällig auf dem Wochenmarkt. Der Analytiker erkundigt sich nach dem Befinden.

Patient: "Hervorragend. Mein Schwager kurierte mich in weniger als einer Stunde."

Analytiker: "Oh, Ihr Schwager ist auch Psychotherapeut?"

Patient: "Nein, Schreiner. Er sägte einfach die Beine an meinem Bett ab."

 

 

Dass die systemische Familientherapie oft effektiver ist als Einzeltherapie, wird aus folgender Geschichte deutlich, die die berühmte italienische Familientherapeutin Mara Selvini-Palazzoli erlebt hat und sie veranlasste, Einzelsitzungen aufzugeben und mit kompletten Familien zu arbeiten.   

 

► Sie fuhr von einer Analytiker-Tagung von Zürich nach Mailand zurück. In ihr Zugabteil kamen nach und nach weitere Personen. Zuerst ein junger Sizilianer und etwas später eine Mutter mit einer bildhübschen 18jährigen Tochter. Schließlich stieß noch ein junger norditalienischer Geschäftsmann zu ihnen, der einen verächtlichen Blick auf seinen süditalienischen Landsmann warf und die Gruppe komplettierte. Nach einiger Zeit kam ein Tunnel und es wurde dunkel im Abteil. Man hörte plötzlich ein schmatzendes Geräusch und unmittelbar darauf ein klatschendes. Der Tunnel war zu Ende und auf der Wange des norditalienischen Geschäftsmannes konnte man die Fingerabdrücke der Ohrfeige sehen, die er sich eingefangen hatte. Im Abteil herrschte gespanntes Schweigen. Die Tochter verließ das Abteil und Mara Selvini folgte ihr nach, um zu fragen, was passiert sei. Die Tochter sagte, dass sie es nicht genau wisse, aber vermutlich habe der nette Geschäftsmann sie küssen wollen und sei irrtümlich wohl an ihre Mutter geraten und die habe ihm wohl eine gescheuert. Kurze Zeit später verlässt die Mutter das Abteil, um nach der Tochter zu suchen. Mara spricht nun auch die Mutter an und die äußert ihre Sicht der Dinge. "Der Geschäftsmann hat wohl meine Tochter küssen wollen und die hat ihm eine gescheuert. Das habe ich ihr eigentlich gar nicht zugetraut." Kurz bevor Mara etwas ratlos das Abteil erreichte, kam ihr der Geschäftsmann entgegen, der auf der Toilette seine Wange kühlen wollte. "Es geht mich zwar nichts an, aber was ist eigentlich geschehen?" Der Geschäftsmann erwiderte: "Dieser unbeherrschte Sizilianer muss der Tochter wohl einen Kuss gegeben haben und die dachte, ich sei es gewesen und hat mir eine kräftige Ohrfeige gegeben." Mara setzte sich zu dem Sizilianer und schaute ihn fragend an. Dieser zwinkerte ihr zu und sagte: "Wenn wieder alle da sind und es kommt wieder ein Tunnel, dann schnalz' ich nochmal und hau' dem arroganten Schnösel noch eine rein."

 

Auf dieser Zugfahrt begann Mara darüber nachzudenken, ob ihr Einzelbefragung-Setting sich soeben nicht als allzu aufwändig und ineffizient erwiesen habe. Dies war die Geburtsstunde der systemischen Familientherapie. 

 

Quelle: "Das Ha Handbuch der Psychotherapie" von Bernhard Trenkle