Am Familientisch

 

Max rülpst. fünf Jahre alt und rülpst ständig. Er kann es noch nicht richtig, das Geräusch hat keine Tiefe und ist ein wenig blass, das liegt wohl am fehlenden Resonanzboden bei Fünfjährigen. Aber er übt ständig - bei Tisch, bei den Großeltern, gern auch, wenn Besuch kommt.

Die Eltern: "Max, kannst du das mal bitte lassen. Man rülpst nicht, wenn andere Leute da sind, es stört sie." Max rülpst.

Die Eltern (Versuch einer paradoxen Intervention des dreifachen Axels der Kindererziehung): "Max, wir hören es gerne, wenn du rülpst, das Geräusch gefällt uns so, bitte rülpse noch mehr."  Kurzes Nachdenken. Max rülpst.

Die Eltern unter sich: "Wir müssen das Rülpsen ignorieren. Es geht ihm nur darum, auf sich aufmerksam zu machen. Er ist der Zweitgeborene, vergessen wir es nicht." Sie ignorieren das Rülpsen. Max rülpst.

Die Eltern denken darüber nach, ob es sinnvoll wäre, das Kind einem Arzt vorzustellen. Es könnte einfach Verdauungsprobleme haben. Sie verwerfen den Gedanken, der Stuhlgang des Knaben ist normal. Max rülpst.

Die Eltern fragen sich: Ist Rülpsen schlimm? Sind wir Spießer, dass wir uns am Rülpsen eines Fünfjährigen stören? Der Vater ruft: "Es stört mich aber doch, verdammt!" Max rülpst.

Die Eltern laut: " Max, es langt jetzt endlich, verdammt noch mal, wenn du nicht aufhörst, müssen wir dich ins Zimmer schicken, denn du störst alle anderen am Tisch." Max rülpst.

Die Eltern bringen Max in sein Zimmer. Das Kind schreit, klagt und weint, öffnet die Zimmertüre und schlägt sie wieder zu, bejammert sein Schicksal, schreit seine Wut hinaus, bricht heulend auf dem Ziegenhaarteppichboden seiner Behausung zusammen. Die Eltern werden mitleidig, gehen nach oben: "Du darfst jetzt wieder herunterkommen, wenn du nicht mehr rülpst."

Max kommt wieder an den Esstisch, setzt sich mit versteinertem Gesicht an seinen Platz. Die Eltern (denkend): "Es war hart, aber nun haben wir es geschafft." Die Familie isst schweigend. Es kehrt Ruhe ein im Haus. Stille senkt sich über den Tisch. Frieden in die Herzen der Erziehenden. Man hängt seinen Gedanken nach.

Da rülpst Max.

 

 

Autoritätsverluste

 

Das schönste am Elternleben sind die Gespräche mit anderen Eltern, trostreiche Abendunterhaltungen, wenn die Kinder schlafen und das Babyphon leise rauscht und knarzt. Dann reden wir über Erziehen und Nichterziehen, über Windeln und Wandeln und das Wunder des Erwachsenwerdens. Neulich erzählte Luise, wie schön das letzte Wochenende gewesen sei, als sie habe ausschlafen dürfen, weil Uwe sich morgens um die Kleinen gekümmert habe, und sie sprach den unsterblichen Satz: "Uwe hat die Kinder gemacht und ich habe Kaffee getrunken."

"Aber wissen möchte ich schon", rief Claudia dann, "warum normalerweise die Frauen immer sofort aufstehen, wenn die Kinder Mist machen oder etwas umschmeißen und die Männer immer sitzenbleiben?"

Das sei so eine Art Grundgesetz des Zusammenlebens, hat Antje ihr erklärt.

"Aber warum?" hat Claudia gerufen.

"Männer sehen eben immer alles lockerer", warf ich müde ein, denn ich wusste, dass ich nicht recht hatte.

"Nein, sie wissen, dass die Frauen schon aufstehen werden", sagte Antje.

Da ging die Tür noch einmal auf und Luise-Uwes Töchterlein stand da und schrie: "Mama, was hab ich dir gesagt?! Hast du das nicht verstanden? Du sollst doch meine Lieblingsbluse neben mein Bett legen, damit ich sie morgen früh gleich habe!"

Ja, die Kinder sind heute autoritärer als die Erwachsenen und sie sind abgeklärt und überlegen. Antje hat erzählt, nach einer Auseinandersetzung mit der kleinen Anne sei sie ratlos und verzweifelt dagestanden und habe gesagt: "Anne, muss das denn sein?" Und Anne habe bloß gesagt: "Was willst du denn? Kinder sind nun mal so."

Ich steuere an diesen Abenden gern die Geschichte von Max bei, der uns, als wir auf der Terasse saßen und Kaffee tranken, mit kleinen Steinchen bewarf. Als ich ihm zurief, er solle endlich aufhören, flüsterte Anne ihrem Bruder so laut zu, dass wir es hören konnten, ins Ohr: "Mach ruhig weiter." Ich bekam einen Schreianfall wie Herbert Wehner im Bundestag zu seinen besten Zeiten, und als ich fertig war, sagte Anne: "Komm, Max, wir gehen hinters Haus und lachen."

Diese Episode erzähle ich aber nur sehr guten Freunden. Die Leute sollen nicht denken, dass mich die Kleinen für eine Witzfigur halten.




 

(aus: "Der kleine Erziehungsberater" von Axel Hacke)